Mythos 1: Die Gesellschaft wird älter – ist das Pensionssystem deshalb bald nicht mehr finanzierbar?
Viele Menschen fragen sich, ob das Pensionssystem noch zu finanzieren ist, wenn die Gesellschaft immer älter wird. Klar ist: Die Altersstruktur verändert sich, und das bringt neue Herausforderungen mit sich. Gleichzeitig zeigen Daten und aktuelle Berechnungen, dass das Umlagesystem weiterhin funktionieren kann, wenn bestimmte Entwicklungen berücksichtigt werden. Der folgende Fakten-Check erklärt, was wirklich hinter dem Mythos steckt und wie das österreichische Pensionssystem auf Veränderungen reagiert.
Der Mythos:

Die Demografie verändert sich – aber was bedeutet überhaupt „Demografie“?
Die Demografie beschreibt, wie viele Menschen in einem bestimmten Gebiet leben und wie sich diese Bevölkerung zusammensetzt – zum Beispiel nach Alter, Geschlecht oder Herkunft. Sie hilft dabei zu verstehen, wie sich die Anzahl und Struktur der Bevölkerung über die Zeit verändert, zum Beispiel, ob es mehr ältere oder jüngere Leute gibt.
Die Menschen in Österreich werden immer älter
Unsere Gesellschaft verändert sich:

Heute werden weniger Kinder geboren als früher, während die Menschen gleichzeitig länger leben. Dadurch gibt es immer mehr ältere Menschen, die eine Pension erhalten.Gleichzeitig gibt es immer weniger junge Menschen, die arbeiten und damit ins System einzahlen. Das verändert die Altersstruktur der Gesellschaft und stellt das Pensionssystem vor neue Herausforderungen.
Im Jahr 2013 war ungefähr jede fünfte Person über 65 Jahre alt. Im Jahr 2070 wird es (voraussichtlich) fast jede dritte sein. Das ist ein Anstieg von 64 %!

Wie funktioniert das Pensionssystem? – Das Umlagesystem
In Österreich zahlen alle arbeitenden Menschen Geld in das Pensionssystem ein. Dieses Geld wird nicht gespart oder veranlagt, sondern direkt an die Pensionist:innen weitergegeben. Das nennt man Umlagesystem.
Wichtig:
Wer heute einzahlt, finanziert damit die Pensionen der heutigen älteren Generation.
Und wer heute jung ist, wird später Pension bekommen – wenn andere dann für einen einzahlen. Das funktioniert nur, wenn es auch in Zukunft genug arbeitende Menschen gibt, die einzahlen können.
Unser Pensionssystem als Obstgarten

Stell dir vor, das Land ist ein Garten, in dem Obstbäume stehen. Die Arbeit der Menschen im Land ist das Ernten des Obstes. Die Menge des geernteten Obstes ist der Wohlstand des Landes.
Die arbeitenden Menschen pflücken also Obst – diese Tätigkeit ist ihre wirtschaftliche Leistung. Die Pensionist:innen bekommen einen Teil des geernteten Obstes, auch wenn sie nicht mehr selbst pflücken.
Wenn jetzt immer mehr Menschen Pensionist:innen sind, gibt es mehr Menschen, die etwas vom Obst essen wollen, aber selber nichts pflücken. Das heißt, dass weniger Menschen mindestens die gleiche Menge an Obst pflücken müssen. Andernfalls gibt es zu wenig Obst für alle.
Kritiker:innen des öffentlichen Pensionssystems behaupten, dass genau so etwas in Österreich passieren wird. Weil es immer weniger Junge und immer mehr Alte gibt, werde das System nicht mehr finanzierbar sein und zusammenbrechen. Sie fordern deshalb, dass das Pensionsantrittsalter erhöht wird. Manche würden das öffentliche Pensionssystem gerne ganz abschaffen und die Altersvorsorge vollkommen privatisieren – auch weil sie daran verdienen wollen. Was ist dran, an dieser Angstmacherei?
Wird das System wirklich unbezahlbar?
Hier sind die Fakten laut Berechnungen der EU-Kommission:

Der sogenannte Ageing Report ist ein alle drei Jahre erscheinender Bericht der EU-Kommission, der die wichtigsten Zahlen der Ausgaben für die Pensionen der EU-Staaten darstellt und analysiert.
Er gibt auch darüber Bescheid, wieviel vom BIP (Bruttoinlandsprodukt) für das Pensionssystem ausgegeben werden muss. Das BIP zeigt, wie viel Geld alle Waren und Dienstleistungen zusammen wert sind, die in einem Land in einem Jahr erzeugt wurden.
In unserem Obstgarten-Beispiel wäre das BIP die Menge aller gepflückten Äpfel in einem Jahr. Der Ageing Report schaut sich im Prinzip an, wie viel Prozent dieser Äpfel an die Alten in Zukunft verteilt werden, obwohl sie selbst nicht mehr an der Apfelernte beteiligt sind. Sprich: Wie viel ihrer Ernte müssen die jungen Arbeitenden, den Alten abgeben?
Laut dem Bericht steigen die Ausgaben, die wir als Gesellschaft für Pensionen ausgeben werden nur leicht bis 2030 auf 15 Prozent des BIP. Anschließend sinken sie jedoch wieder auf das aktuelle Niveau ab.
Was bedeutet der Bericht für unser Pensionssystem?
Obwohl es viel mehr ältere Menschen geben wird, steigen die Kosten für die Pensionen nur minimal. An wichtigen Stellschrauben wurde bereits gedreht, um das Pensionssystem zukunftsfit zu machen – aktuell wird an weiteren Verbesserungen gearbeitet. Doch wie kann es sein, dass die Ausgaben für Pensionen nur minimal steigen, steigen, obwohl es viel mehr ältere
Menschen gibt? Dafür gibt es eine Vielzahl an Gründen:
Warum funktioniert das Pensionssystem trotz mehr Pensionist:innen?
1. Mehr Menschen arbeiten heute mit – vor allem Frauen
Früher war es gesellschaftlich üblich, dass viele Frauen unbezahlte Arbeit zu Hause leisteten, während Männer für Lohn gearbeitet haben. Frauen mussten zu Hause kochen, putzen und Kinder betreuen, während Männer im Büro, in der Fabrik oder im Handwerk arbeiteten und dabei das Geld verdienten. Heute haben viel mehr Frauen die Möglichkeit zu arbeiten. Sie zahlen damit auch ins öffentliche Pensionssystem ein.

Wenn mehr Frauen arbeiten, zahlen auch mehr Menschen in die Pensionsversicherung ein.
Zurück in den Obstgarten

Früher haben vor allem Männer das Obst im Obstgarten gepflückt, heutzutage arbeiten viel mehr Frauen mit. Dadurch gibt es insgesamt mehr gepflücktes Obst – also mehr Wohlstand – der verteilt werden kann. Zudem steigt die Produktion im Allgemeinen: Menschen benutzen heute komplexe Geräte und Maschinen. Dadurch können sie mehr Äpfel in einer Stunde pflücken, als es früher der Fall war. Das füllt den Obstkorb und in unserer Welt auch die staatliche Pensionsversicherung!
2. Auch ältere Menschen arbeiten länger
Viele Menschen arbeiten heute länger als früher.

Warum das wichtig ist? Weil sie dadurch weiter einzahlen und später erst Pension bekommen.
Schauen wir wieder in den Obstgarten

Im Gegensatz zu früher helfen jetzt mehr Menschen länger beim Obstpflücken mit, bevor sie sich zur Ruhe setzen. So tragen sie länger zur Ernte bei und holen sich erst später ihren Pensions-Anteil aus dem Obstkorb.
Das entlastet die anderen Pflückenden und auch den ganzen Obstkorb, also bei uns die Pensionsversicherung. Auch wenn manche mit dem Pflücken früher aufhören müssen, weil sie krank werden und nicht mehr arbeiten können, ist der Obstkorb für alle gefüllt.
Die Menschen in Österreich gehen immer später in Pension
Laut österreichischem Gesetz ist es so:
- Männer können mit 65 Jahren in Pension gehen.
- Frauen konnten bis 2024 mit 60 in Pension gehen, Das wird jetzt bis 2033 schrittweise auf ebenfalls 65 Jahre erhöht.
In der Realität ist es so:
Viele gehen früher in Pension – im Schnitt (Stand 2024):
- Männer: mit 62,4 Jahren
- Frauen: mit 60,4 Jahren

Warum unterscheidet sich das gesetzliche Antrittsalter von der Realität?
Manche Menschen werden krank oder finden im Alter keinen Job mehr.
So entsteht ein früheres durchschnittliches Antrittsalter, auch wenn das gesetzliche Antrittsalter höher ist.
Wenn neun Personen mit 65 in Pension gehen, aber eine Person mit 40 Jahren wegen einer Krankheit oder einem Unfall vorzeitig in Pension geht, dann liegt der Durchschnitt bei 62,5 Jahren – obwohl fast alle bis 65 gearbeitet haben.
Solche Fälle ziehen den Durchschnitt nach unten. Wenn man diese Sonderfälle herausrechnet, sieht man:
Seit 2010 ist das tatsächliche Pensionsantrittsalter bei Männern um 3,8 Jahre, bei Frauen um 3,3 Jahre gestiegen.
Merksatz

Und genau das passiert in Österreich: Weil mehr Frauen erwerbstätig sind, zahlen mehr Menschen in das Pensionssystem ein. Dazu arbeiten die Menschen immer länger und das System wird regelmäßig angepasst.

Good to know
Warum nicht einfach das Pensionsalter immer weiter erhöhen – dann zahlen ja mehr Menschen länger ein?
Klingt logisch: Wenn alle länger arbeiten, zahlen sie auch länger ein und entlasten die Pensionsversicherung. Aber ganz so einfach ist es leider nicht. Viele ältere Menschen finden keinen passenden Job mehr – vor allem ab 50 wird es auf dem Arbeitsmarkt oft schwierig. Es fehlen also Jobs. Manche Berufe, wie in der Pflege oder auf der Baustelle,sind körperlich so hart, dass man sie im Alter kaum noch schaffen kann. Auch durch technologischen Fortschritt wie dem vermehrten Einsatz von Künstlicher Intelligenz verändert sich der Arbeitsmarkt. Außerdem: Wer krank wird, kann nicht einfach länger arbeiten – egal, was das Gesetz sagt.







